"Bis vor zehn Johr pinn i dr greascht Wilderer im Nationalpark
gweesn", das behauptet Horst Eberhöfer und bricht damit öffentlich
ein Tabu.
Er hat dazu ein Buch geschrieben und nimmt sich darin kein Blatt vor den Mund.
Gemessen an der Anzahl der erlegten Tiere könnte er laut eigenen Angaben
bereits 150 Jahre lang Jäger gewesen sein.
Er spricht vom "Bazillus
Wilderus",
einem unheilbaren Urtrieb, der ihm wohl angeboren sei. Die unbändige
Leidenschaft könne nur der verstehen, der sie in sich trägt.
“ I
pinn fan Bazillus Wilderus befolln”, sagte er. Dieser “Bazillus” wurde
in ihm als Kind geweckt, als er den Vater, der Revierleiter in Prad
war, auf den Reviergängen begleitete. Damals war die Jagd im Nationalpark
noch erlaubt. Die Warnungen des Vaters, ja nie zu wildern, schlug Horst
schon bald in den Wind. Sein erstes Gewehr kaufte er sich als Vierzehnjähriger
in der Schweiz und schmuggelte es über die Grenze. Kurz darauf
schoss er in der Abenddämmerung eines Frühsommertages
seinen ersten Rehbock.
Die Treffsicherheit hatte er schon als Bub beim Spatzenschießen
eingeübt. Beim “Aufbrechen” des Tieres half ihm ein
Freund, dessen Vater das Fleisch für die Kühltruhe
abnahm. Daheim durfte niemand etwas wissen.
Bereits zwei Monate später
erlegte Horst den nächsten Bock. Seine “Wildererkarriere” begann.
Es ging nicht so sehr um das Fleisch, als vielmehr um die Befriedigung
des Jagdtriebes, wobei er stets darauf achtete, dass das Wild nie unnötig
leiden musste.
Wichtig waren ihm natürlich auch die Trophäen,
von denen er immer geträumt hatte. Schon bald fand er Zugang zu
gleichgesinnten älteren “Vorbildern”,die ihn in ihrem “durchsichtigen
Verein” aufnahmen.
Mit Sechzehn wurde er dann zusammen mit zwei
bereits volljährigen Kollegen erstmals von den Ordnungshütern
erwischt. Horsts Vater erfuhr vom Treiben seines Sohnes und war bitter
enttäuscht. Das hinderte diesen aber keineswegs daran, munter
weiter zu wildern, während die Kumpanen noch in der Zelle saßen.
Irgendwann erschien es ihm doch als sinnvoll, aus der Illegalität
herauszutreten und bei der Jagdprüfung anzutreten.
Mit achtzehn
Jahren war er jüngster Jäger Südtirols.
Er hatte
aber kein Revier, da das Jagen im Nationalpark inzwischen verboten
worden
war. Es blieb ihm also nichts anderes übrig als weiter zu
wildern. Als er neunzehn war, schnappte erneut die Falle zu.
Er machte erstmals
für zwei Tage Bekanntschaft mit der “Via Dante”,
in Bozen. Im Gefängnis fühlte er sich wie lebendig
begraben. Er fürchtete sich vor den Mitgefangenen, unter
denen sich auch Mörder befanden. Noch heute bekommt er Gänsehaut,
wenn er an die Zelle mit den vergitterten Fenstern in drei Metern
Höhe
und an die Kloschüssel in der Ecke denkt.
Einzig das Essen
war gut. Es gab zweimal am Tag “pasta asciutta”,
zehn Semmel und Wasser. Wieder in Freiheit begann für ihn
ein Katz und Maus-Spiel mit Aufsehern und Carabinieri. Er setzte
alles daran, schlauer zu sein
als sie und versuchte sie zu überlisten.
Insgeheim wünschte
er sich nichts sehnlicher als ein Jagdrevier außerhalb
des Nationalparkes. Der Zufall und die Liebe kamen ihm dabei
zu Hilfe. Er lernte ein Mädchen
aus Rifair kennen, das später seine Frau wurde und ihm die
Tür
zum Revier in Taufers öffnete. Doch bevor er dort jagdberechtigt
war, erwischten ihn die Gesetzeshüter erneut.
Geschickt
konnte er damals seiner hochschwangeren Frau die eine Nacht im
Gefängnis
verheimlichen. Schon kurz darauf ging es um Leben und Tod. Vermummt
und mit dem Gewehr in der Hand pirschte sich Horst zusammen mit
einem Komplizen eine Forststraße entlang. Dass sie dabei
beobachtet wurden, merkten sie erst, als ihnen die Kugeln um
die Köpfe flogen.