| Vinschger: |
Ihr Buch hat viel Staub aufgewirbelt.
Die Themen Nationalpark und Jagd wurden zu Inhalten für leidenschaftliche
Diskussionen in Medienkreisen und an Gasthaustischen. Haben sie das
beabsichtigt? |
| Eberhöfer: |
Ja, ich wollte, dass etwas in Bewegung kommt
und die Missstände
im Park aufgezeigt werden. Und dabei geht es mir nicht nur um die Jagd.
Vor allem wollte ich Feuer unter den Hintern der "Sesselwärmer" in
den Nationalparkgremien machen. |
| Vinschger: |
Ist ihnen das gelungen? |
| Eberhöfer: |
Ich habe das Gefühl, die Nationalparkverantwortlichen
befinden sich in einem Dauerschlaf, aus dem sie nicht geweckt werden
wollen. |
| Vinschger: |
Von der Buchvorstellung im Nationalparkhaus “aqua prad” haben
sich die Nationalparkverantwortlichen Josef Hofer und Wolfgang Platter öffentlich
distanziert. War die Wahl dieses Ortes eine bewusst inszenierte Provokation
Ihrerseits? |
| Eberhöfer: |
Wildern gehört zum Alltag im Nationalpark. Deshalb war das Nationalparkhaus
für mich auch der richtig Ort, um über das Thema zu sprechen.
Leider sind die ersehnten Diskussionspartner aus hiesigen Nationalparkkreisen
nicht erschienen. Dass sich über 500 Leute eingefunden hatten, überraschte
mich und bestätigte mir, dass ich den Nerv getroffen hatte. Im Übrigen:
In Prads Gemeindestube kannte man den Inhalt des Buches. |
| Vinschger: |
Sie „schießen“ scharf gegen
die Nationalpark-Verantwortlichen. Sind Sie ein Gegner des Nationalparks? |
| Eberhöfer: |
Nein, keineswegs. Natur- und Umweltschutz liegen
mir sehr am Herzen. Doch viele der Nationalparkleute sind meiner
Meinung nach überhaupt
nicht fachkompetent und müssten ausgewechselt werden. Sie kassieren
zwar viel Geld, doch nichts rührt sich vom Fleck. Sie schauen
zu, wie der Park ruiniert und von Wilderern leergeschossen wird. Rückendeckung
haben sie von politischer Seite her genug. |
| Vinschger: |
Sie wissen, dass eine herkömmliche Jagd
mit dem Nationalpark-Gedanken nicht vereinbar ist? |
| Eberhöfer: |
Ja, ich habe mich mit der Thematik befasst. Regeln und Gesetze sollten
der Sache dienen.
Wenn es augenscheinlich ist, dass alles zerstört wird, müssten
sie geändert werden. Man kann nicht alle Nationalparks über
einen Kamm scheren. Die Schutzbestimmungen sollen auf die verschiedenen
Bedürfnisse der Nationalparks zugeschnitten sein und sie nicht
zugrunde richten. Ich stehe zum Nationalpark, das möchte ich
klarstellen, vorausgesetzt er verdient sich die Bezeichnung Nationalpark.
Doch dem
ist hier leider nicht so. Das behaupte nicht nur ich, sondern das
sagen auch international anerkannte Fachleute.
Der Gesamtzustand des Nationalparks
Stlfserjoch ist schlichtweg gesagt katastrophal. |
| Vinschger: |
Eine harte Analyse. |
| Eberhöfer: |
Was ist das für ein Nationalpark, in dem ungehindert Straßen
und Aufstiegslagen gebaut werden können? Man darf alles tun, nur
nicht regulär auf die Jagd gehen. Ein Irrsinn! Deshalb wird gewildert.
Und was da so alles abläuft, geht auf keine Kuhhaut. Ich behaupte:
Wenn sich im Park nichts ändert, ist er innerhalb weniger Jahre
leergeschossen. |
| Vinschger: |
Sie haben ja selbst dazu beigetragen. |
| Eberhöfer: |
Ja, mir ist auch nichts anders übrig geblieben, um auf die Jagd
gehen zu können, das wird im Buch auch deutlich. Ich betone noch
einmal: Ich will mit meinem Buch aufzeigen, dass es im Park schon bald
kein Wild mehr geben könnte, wenn nichts passiert. Ich kenne die
Szene und ich habe recherchiert. Im Gebiet von Laas bis Lichtenberg
sind die Gämsen schon fast ausgerottet. Und dem Rotwild könnte
es schon bald genauso ergehen. Ich habe zusammen mit Wilderern, die
unter anderem Jäger sind, Nachforschungen angestellt und bin auf
eine Zahl von 400 Stück gewildertem Rotwild im Nationalpark jährlich
gekommen. |
| Vinschger: |
Wenn das stimmt, könnte die regelmäßig getätigte
Wildentnahme schon bald überflüssig sein. Sind diesbezügliche
Zahlen in Nationalparkkreisen auch bekannt? |
| Eberhöfer: |
Ich bezweifle, ob sich die Führungsriege überhaupt dafür
interessiert. Wenn es so weiter geht wie bisher, gibt es im Nationalpark
bald nichts mehr zu entnehmen. Heuer konnte die vorgegebene Anzahl
an Tieren beispielsweise nicht mehr erreicht werden, weil die Wilderei
zunimmt.
Aus Jägern der Nationalparkgemeinden sind mittlerweile Entnahmespezialisten
geworden, die ihren Jagdtrieb bei den jährlichen Abschüssen
ausleben können. |
| Vinschger: |
Wenn Sie sagen, die Wilderei nehme dennoch zu,
dann lässt das
den Schluss zu, dass den Jägern diese Einbindung nicht genügt
und sie weiter wildern. Sind Wilderer nach wie vor verhinderte Jäger? |
| Eberhöfer: |
Ja, der überwiegende Teil. Ich gebe zu bedenken, dass lediglich
die Hälfte der "Nationalpark-Jäger" als "selecontrollori" an
der Entnahme beteiligt sind, die andere Hälfte wildert weiter.
Und übrigens, die Entnahme ist in meinen Augen und auch in den
Augen vieler Ausführender ein Gemetzel und keine Jagd. Also eine
unbefriedigende Lösung für alle Beteiligten. |
| Vinschger: |
Sie glauben, eine kontrollierte Jagd könnte die Wilderei eindämmen.
Was macht sie da so sicher? |
| Eberhöfer: |
Wenn Jäger regulär auf die Jagd gehen können, werden
sie gleichzeitig zu Aufsehern. Ein typisches Beispiel liefert Matsch.
Seit die Jäger dort ein eigenes Revier haben, ist die Wilderei
ausgeblieben. |
| Vinschger: |
Zurück zu Ihrem Buch. Die ersten 3000 Stück
verkauften sich wie warme Semmel. Nun gibt es bereits eine Zweitauflage.
Also
ein Bestseller? |
| Eberhöfer: |
Allerdings, vor allem die Verkaufszahlen kurz
nach der Buchvorstellung im Dezember sprechen für sich. Doch leider ist das Buch erst viel
zu spät in der Bestsellerliste des "Dolomiten Magazins" erwähnt
worden. Ich frage mich: Hätte ich mich für den Athesia-Verlag
entscheiden müssen und nicht für den Provinz-Verlag? Wer
nicht auf der richtigen Seite steht, wird in Südtirol oft ignoriert,
das ist übrigens auch in der politischen Landschaft so. |
| Vinschger: |
Haben sich führende Politiker bei Ihnen
gemeldet? |
| Eberhöfer: |
Leider nein, ich glaube aber, dass viele das
Buch gelesen haben. Dem "Oberjäger" Luis Durnwalder
habe ich es zukommen lassen, zusammen mit der Einladung zur Buchvorstellung.
Er hat sich
dann allerdings raffiniert entschuldigt und schweigt weiter, wie
immer in Sachen Nationalparkjagd. |
| Vinschger: |
Sie sind mittlerweile Jäger im Revier in
Taufers i. M. Wie kommentieren die dortigen Jagdkollegen und der
Landesjagdverband ihr Buch. |
| Eberhöfer: |
Die dortigen Jäger halten sich heraus. “Wir haben ja unser
Revier”, sagen sie. Über die Reaktionen von Seiten des Landesjagdverbandes
bin ich enttäuscht. Heinrich Aukenthaler hat mir mit einer Klage
wegen "Verherrlichung der Wilderei" gedroht. Dabei müsste
er in seinem Amt eigentlich froh sein, dass jemand einen Beitrag leistet,
um die Wilderei zu unterbinden. Tatsache ist aber auch, dass er noch
nie einen Finger gerührt hat, um die Jäger der Nationalparkgemeinden
in andere Reviere einzubinden. Im Übrigen: Von vielen Seiten wurde
mir zum Mut gratuliert, das "heiße Eisen" endlich
angefasst und ein Tabu gebrochen zu haben. |
| Vinschger: |
Nach der Veröffentlichung des Buches wurden die Reifen ihres
Wagens aufgeschlitzt. Haben Sie eine Ahnung, wer die Täter sein
könnten? |
| Eberhöfer: |
Ich glaube schon. Ich vermute, dass es jene
Wilderer sind, die in meinem Buch vorkommen. Doch wer mich kennt,
weiß, dass ich mich
nicht unterkriegen lasse und alles gelassen hinnehme.
Wenn das tatsächlich die Täter wären, dann nehmen sie
Ihnen Ihre öffentlichen Bekenntnisse übel. |
| Vinschger: |
Reagieren mehrer ehemalige Wildererkollegen so gereizt? |
| Eberhöfer: |
Nein, ich ernte größteils Zustimmung. Viele knüpfen
an die Diskussionen rund um das Buch die Hoffnung, die einstigen Jagdrechte
irgendwann doch noch zurückzubekommen. Allerdings bekam ich auch
zu hören "Horst, hör auf, wenn im Nationalpark einiges
verbessert wird und eine Jagd möglich sein sollte, können
wir das Wildern vergessen ". Eine Aussage, die meine Behauptung
unterstreicht, dass nur eine reguläre Jagd der Wilderei den
Garaus machen kann. |